Arabisch-Armenische Allographien

In der Sammlung des Matenadaran-Museums in Jerewan befindet sich eine Handschrift (7117)[2] aus dem 15. Jahrhundert, die auf den Blättern 143–148 ein Kompendium verschiedener Alphabete (unter anderem: Koptisch, Hebräisch, Syrisch, Georgisch, Lateinisch etc.) enthält.[4: 76] Eins dieser Alphabete – die “Albanischen Buchstaben” (աղուանից գիրն ałowanicʿ girn) konnte als die lange verschollene Schrift des Kaukasisch-Albanischen (Alt-Udischen) identifiziert werden.[1: 96] Dadurch ist diese Handschrift berühmt geworden.

Doch auch die anderen Alphabet-Abschnitte haben faszinierende Funde zu bieten: Beim lateinischen Alphabet finden wir eine dreispaltige Tabelle, die (aristotelisch-)philosophische Fachbegriffe enthält – einmal in armenisch-geschriebenem Latein, einmal armenisch-geschriebenem Arabisch und zuletzt (offensichtlicherweise) armenisch-geschriebenem Armenisch.

Das allographisch-armenische Latein wird von Erich Renhart in seinem Aufsatz über Armenische, syrische und lateinische Allographien in Handschriften des Ostens und des Westens [4] zur Genüge behandelt. Die arabische Spalte übergeht er – anscheinend wegen mangelnder Arabisch-Kenntnisse. Bedauerlicherweise hält ihn dieser Mangel nicht davon ab, unqualifizierte Hypothesen über Zeile 2 (siehe unten) anzustellen und zu Unrecht zu vermuten, “dass der Autor […] manches verwechselt hat”[4: 79].

In diesem kurzen Aufsatz möchte ich den armenisch-allographischen arabischen Wörtern die Aufmerksamkeit zukommen lassen, die ihnen gebührt: Anhand der von Renhart gegebenen lateinischen Begriffe identifiziere ich die den armenischen Schreibungen zugrundeliegenden arabischen Begriffe und gebe einen Überblick über die phonologischen Zusammenhänge zwischen dem arabischen Original und der armenischem Allographie. Im Zuge dessen ist es nötig, einzelne Lesarten des Schreibers bzw. Renharts zu korrigieren. Leider konnte ich die Handschrift nicht selbst einsehen.

Die Tabelle umfasst 32 numerierte Zeilen auf zwei Seiten (143r–143v). Zeile 13 ist doppelt vertreten – einmal recto und einmal verso.[4: 77–78]

LatinArmenian ArabicArabic
1 substantia ‘substance’ջովհար ǰovharجوهر ǧawhar
2 qualitas ‘quality’քէֆիաթ kʿēfiatʿكيفية kayfiyyah
3 quantitas ‘quantity’քամիաթ kʿamiatʿكمية kammiyyah
4 relatio ‘relation’իոաֆաթ իտաֆաթ itafatʿإضافة ʔiḍāfah
5 ubi ‘where?’այն aynأين ʔayn
6 quando ‘when?’մաթէ matʿēمتى matā
7 mythus situs ‘situation’ուատայ owatayوضع waḍʕ
8 habitus ‘habit’միլիք milikʿملك milk
9 actio ‘action’իայ ֆայալ iay fayalيفعل yafʕal
10 passio ‘suffering’իամ ֆայալ iam fayalينفعل yanfaʕil
11 genus ‘gender’ջինա ջինս ǰinsجنس ǧins
12 species ‘species’նավյ navyنوع nawʕ
13 proprium ‘special’խասայ xasayخاصة ḫāṣṣah
13* differentia ‘difference’ֆասլ faslفصل faṣl
14 accidens ‘accidental’յարատ yaratعرض ʕaraḍ
15 universalis ‘universal’իամ iamعام ʕāmm
16 natura ‘nature’տապիաթ tapiatʿطبيعة ṭabīʕah
17 persona ‘person’շաղսիաթ šałsiatʿشخصية šaḫṣiyyah
18 essentia ‘essence’զդաթ zdatʿذات ḏāt
19 affirmatio ‘affirmation’ամր amrأمر ʔamr
20 negatio ‘negation’ու նահի ow nahiنهي nahy
21 simplex ‘simple’բասիա բասիտ basitبسيط basīṭ
22 compositum ‘composite’մուրաքաբ mowrakʿabمركب murakkab
23 materia ‘matter’հիւլէ hiwlēهيولى hayūlā
24 forma ‘form’սուրաթ sowratʿصورة ṣūrah
25 dispositio ‘disposition’շայիսակի/շայիտակի šayitakiشايستگی šāyistagī (Persisch)
26 habere ‘to have’
27 [creator ‘creator’]խալիլ խալիխ xalixخالق ḫāliq
28 [creatus ‘created’]մախլուխ maxlowxمخلوق maḫlūq
29 familiaritas ‘familiarity’
30 geometrica ‘geometry’
31 arithmetica ‘arithmetic’
32 horologia ‘(horary) astrology’

Meine Lesung weicht an einigen Stellen von der Renharts ab:

Die Wiedergabe des Arabischen folgt (einigermaßen konsequent) den folgenden Regeln:

Vokale. Das Dreivokalsystem des Arabischen wird (ohne Beachtung der Vokalquantitäten) gewahrt: ā̆ wird als a, ī̆ als i und ū̆ als ow /u/ wiedergegeben. Der arabische Diphthong ay erscheint einmal monophthongiert als ē (2), einmal als ay (5); aw erscheint als ov (1) oder av (12). Gemäß der traditionellen Aussprache von finalem -ay als [-a][3: §20] erscheint auslautendes arabisches -a als -ay (7, 9, 13). Auslautendes langes ā erscheint konsequent als ē, wenn auf arabisches ʔalif maqṣūra zurückgeht (6, 23). Hierfür könnte eine persische Aussprachetradition (spelling pronunciation) verantwortlich sein, die z. B. auch eine Aussprache von arabisch معنى maʕnā ‘Bedeutung’ als ma’nī zulässt und zur Adaptation von ولٰكن walākin ‘aber’ als ولی valī geführt hat (vgl. auch Urdu لیکن lekin).[5: §127]

Konsonanten. Die im arabischen aspiriert ausgesprochenen[6: 32, 44f.] Plosive t und k werden mit den armenischen Zeichen für aspirierte Plosive tʿ (6, 18) und kʿ (2, 3, 8, 22) wiedergegeben. Für die emphatischen (und daher im Arabischen unaspirierten) Plosive und steht konsequent armenisches unaspiriertes t (4, 7, 14; 16 21). Eine Schreibung für nicht emphatisches stimmhaftes d ist nicht belegt. Bei b schwankt die Schreibung zwischen armenisch b (21, 22) und unaspiriertem p (16). Die beiden stimmlosen uvularen arabischen Konsonanten q und werden beide mit x wiedergegeben (13, 27, 28), einmal erscheint auch ł [ʁ] für (17); eine Schreibung von ġ ist nicht belegt. Die Affrikata ǧ erscheint aussprachegetreu als die Affrikata ǰ (1, 11).

Die Frikative f, š und h als f (2, 4, 9, 10, 13), š (17, [25]) und h (1); s und emphatisches erscheinen ohne Unterschied als s (11; 13, 13*, 17, 24); ist nicht belegt. Für den im Armenischen nicht vorkommenden Interdentallaut wählt der Schreiber die kreative Kombination zd (18), die auf die frikative Artikulationsart (z) und den dentalen Artikulationsort (d) hinweist; Schreibungen der übrigen interdentalen ḏ̣ und sind nicht belegt. Das dem Armenischen fremde arabische ʕ wird unerwartet mit y (9, 10, 13, 14) oder i (15) wiedergegeben – dafür ist mir keine phonetische Grundlage ersichtlich –; einmal, auslautend nach Konsonant, erscheint es als vokalischer Reflex -ay [-a] (7, s.o.), wie auch für Hindi adaptierten Form desselben Wortes: वज़ा vazā.

Die Liquida l erscheint ohne Ausnahme als armenisch l (8, 9, 10, 13*), r erscheint als einfach angestoßenes (tapped) r (1, 14, 19, 24) – und nicht etwa als gerolltes (trilled) ,[3: §16] das dem arabischen Lautwert genauer entsprochen hätte. Der Nasal m erscheint ausnahmslos als armenisch m (3, 6, 8, 15, 19, 22, 28), n als n (5, 11, 12, 20) und einmal – an folgendes f assimiliert – als m (10).

Der Halbvokal y erscheint einmal im Auslaut nach Konsonant als vokalisches i (20) und fehlt nach i in den nisba-Formen vollständig (2, 3, 17); die Lautfolge ayū in (23 < ὕλη) erscheint – womöglich unter Einfluss des griechischen Ursprungswortes – als iw. Der Halbvokal w wird initial ow (7) geschrieben und sonst v (1, 12); was armenischen Schreibkonventionen zuwiderläuft – nativ erscheint es ausschließlich nach i.[3: §14]

Das arabische ʔ wird in den armenischen Schreibungen initial nicht ausgedrückt (5, 19); in anderen Positionen ist es nicht belegt.

Phonotaktik. Da das Armenische nicht über geminierte Konsonanten verfügt,[3: §17] werden sie arabischen Wörtern konsequent vereinfacht (3, 13, 15, 22). In einigen Fällen erscheinen in den armenischen Schreibungen Sprossvokale: einerseits um mehrkonsonantischen Onset aufzubrechen (9, 10), der im Armenischen nicht vorkommt; andererseits einmal um mehrkonsonantische Coda aufzubrechen (8), die im Armenischen gemeinhin kein Problem darstellt, vgl. sirt ‘Herz’. Vor ʕ erscheint dabei der Sprossvokal a (9, 10), nach dem Nucleus i erscheint i (8).

Morphologie. Die arabische tāʔ marbūṭah, die in pausa meist als -ah gesprochen wird, erscheint in den armenischen Schreibungen meist als -atʿ (2, 3, 4, 16, 17, 24) und einmal als -ay [-a] (13). Die Wiedergabe der tāʔ marbūṭah in den armenischen Schreibungen ist deckungsgleich mit der Aussprache, die ihr in den jeweiligen arabischen Lehnwörtern im Persischen zuteil wird, also kayfiyyat (entsprechend zu 2) aber ḫāssah (entsprechend zu 13).


Die Kombination aus dieser persischen Wortendung, einzelnen Fällen von persischer Aussprachekonventionen (ē für ʔalif maqṣūrah) und dem Vorhandensein eines ohne Zweifel persischen Wortes (25) wirft abschließend die Frage auf, ob es sich überhaupt um eine Liste arabischer Wörter handelt oder um eine Liste persischer Wörter – von denen dem philosophischen Register entsprechend eben die meisten aus dem Arabischen entlehnt sind.

Dagegen spricht die klare Trennung von t und , die im Persischen beide unterschiedslos aspiriertes t sind, sowie die Schreibungen von als Plosiv t, während es im Persischen (zusammen mit , ḏ̣) konsequent als z realisiert wird.

Diese Frage bleibt ohne genauere Kenntnis des Milieus vorläufig offen.

References
[1]
J. Gippert, “3 The Textual Heritage of Caucasian Albanian,” in Caucasian Albania, J. Gippert and J. Dum-Tragut, Eds., De Gruyter, 2023, pp. 95–166. doi: 10.1515/9783110794687-003.
[2]
“Matenadaran MS 7117.” Available: https://www.wikidata.org/wiki/Q6786448
[3]
A. Meillet, Altarmenisches Elementarbuch. in Indogermanische Bibliothek, no. 10. Heidelberg: Carl Winters Universitätsbuchhandlung, 1913.
[4]
E. Renhart, “Armenische, syrische und lateinische Allographien in Handschriften des Ostens und des Westens,” in Scripts Beyond Borders: A Survey of Allographic Traditions in the Euro-Mediterranean World, J. den Heijer, A. Schmidt, and T. Pataridze, Eds., in Publications de l’institut orientaliste de Louvain, no. 62., Louvain: Peeters, 2014.
[5]
F. Thiesen, A Manual of Classical Persian Prosody with chapters on Urdu, Karakhanidic and Ottoman prosody. Wiesbaden: Otto Harrassowitz, 1982.
[6]
S. H. Al-Ani, Arabic phonology. The Hague: Mouton, 1970.
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